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Teil V · KI-Analyse

22Hypothesen-Bausteine

Eine Ermittlung ist keine Datensammlung. Sie ist ein Prüfprozess: Was muss wahr sein, damit eine Annahme stimmt? Welche Bedingungen sind erfüllt, welche offen, welche widerlegt? Die Hypothesen-Bausteine machen dieses Prüfen strukturiert und nachvollziehbar — KI-gestützt, aber nicht KI-entschieden. Dieses Kapitel zeigt, wie Sie eine Hypothese formulieren, automatisch in prüfbare Bedingungen zerlegen lassen und den Prüfprozess bis zum Befund führen.

Die vier Konfidenz-Typen als System

In Kapitel 4 haben wir die vier Konfidenz-Typen kurz kennengelernt. Für das Hypothesen-System sind sie das Fundament:

  • Gesichert — durch belegbare Quellen bestätigt
  • Ungesichert — behauptet, vermutet, aber ohne Beleg
  • Bedingung — muss wahr sein, damit eine Hypothese gilt
  • Hypothese — eine Annahme, die geprüft wird

Zwischen diesen vier Typen gibt es eine logische Beziehung: Eine Hypothese ist nur so stark wie die Bedingungen, die sie stützen. Eine Bedingung ist entweder durch gesicherte Daten erfüllt, durch ungesicherte Daten angedeutet, oder offen.

Das Hypothesen-System von SpectralQ macht diese Beziehungen explizit und bearbeitbar.

Hinweis — Der Gedanke dahinter: Ein forensischer Befund ist kein Ergebnis, das einfach erscheint. Er entsteht, indem man eine Annahme zerlegt in das, was dafür wahr sein müsste — und dann systematisch prüft, ob das der Fall ist.

Eine Hypothese anlegen

Eine Hypothese ist zunächst ein ganz normales Element auf dem Board — mit dem Unterschied, dass der Konfidenz-Typ auf Hypothese (blau) gesetzt wird.

So gehen Sie vor:

  1. Plus-Menü → Element
  2. Im Element-Popup unter Allgemein einen aussagekräftigen Titel eingeben
  3. Typ → Hypothese wählen
  4. Im Inhalt die Hypothese präzise formulieren

Eine gute Hypothese ist eine konkrete Aussage, die wahr oder falsch sein kann:

✓ „Person A hat den Einbruch am 15. Januar begangen."
✓ „Die Preisbewegung war durch Insiderinformationen ausgelöst."
✓ „Die Pressekampagne wurde koordiniert aus drei Quellen gesteuert."

✗ „Es ist etwas Seltsames passiert." — zu vage
✗ „Alles Mögliche könnte dafür verantwortlich sein." — keine klare Aussage
✗ „Die Wahrheit wird ans Licht kommen." — kein prüfbarer Inhalt

Je präziser die Hypothese, desto besser wird das System sie in Bedingungen zerlegen können.

Den Hypothesen-Assistenten starten

Wenn Sie ein Hypothesen-Element angelegt haben, erscheint im Knoten ein Button: Generiere Hypothesen-Bausteine.

Der Klick startet einen zweistufigen Assistenten.

Schritt 1 — Ziel wählen

Der Assistent fragt, wie die Hypothese bearbeitet werden soll. Drei Optionen:

Hypothese bestätigen — Die KI sucht nach Bausteinen, die die Hypothese stützen. Welche Bedingungen müssten erfüllt sein, damit sie wahr ist? Welche ungesicherten Annahmen deuten darauf hin?

Hypothese widerlegen — Das Gegenteil: Die KI sucht nach Bausteinen, die gegen die Hypothese sprechen. Welche Bedingungen würden sie unmöglich machen? Welche Indizien würden ihr widersprechen?

Beides — Beide Richtungen in einem Durchgang. Das System legt zwei Kopien des Kontexts an — eine für „Bestätigen", eine für „Widerlegen" — und entwickelt für jede die passenden Bausteine.

Zusätzlich wählen Sie, welche Baustein-Typen generiert werden sollen:

  • Bedingungen — Was muss wahr sein?
  • Ungesicherte Annahmen — Was deutet darauf hin, ohne bewiesen zu sein?

Meist aktivieren Sie beide. Manche Ermittlungen arbeiten ausschließlich mit Bedingungen (z. B. im gerichtsfesten Rahmen), andere wollen auch die ungesicherten Hinweise sichtbar machen.

Hinweis — Der Modus Beides ist besonders für die ergebnisoffene Prüfung interessant. Sie bekommen nebeneinander zwei Bilder: Was spricht für die Hypothese, was spricht dagegen. Die eigentliche Bewertung bleibt bei Ihnen.

Schritt 2 — Vorschau der Bausteine

Die KI hat jetzt Vorschläge erarbeitet. Sie sehen eine Liste mit:

  • Titel des Bausteins
  • Kurzbeschreibung — was die Bedingung/Annahme inhaltlich bedeutet
  • Zeitpunkt oder Zeitfenster — wann dies relevant ist
  • Optionaler Ort — falls räumlich verortbar, geokodiert via Nominatim

Jeder Baustein ist per Checkbox abwählbar. Schnellschalter Alle / Keine erleichtern die Auswahl. Sie entscheiden, welche Bausteine tatsächlich ins Board kommen — die KI liefert Vorschläge, nicht Fakten.

Platzierung auf dem Board

Nachdem Sie die gewünschten Bausteine ausgewählt haben, entscheiden Sie, wohin sie sollen:

Im aktuellen Mesh

Die Bausteine werden direkt zum bestehenden Netz um die Hypothese herum hinzugefügt. Der Kontext wächst im selben Bereich.

In einer Kopie des Mesh

Das System kopiert den kompletten transitiv verbundenen Subgraphen — alle Elemente, Verbindungen, Pfade und Konfidenz-Typen, die mit der Hypothese in Beziehung stehen. Die Kopie wird rechts daneben positioniert. Die Bausteine landen in der Kopie.

Das ist besonders nützlich bei Szenarienvergleich: Sie behalten das Original-Mesh intakt und entwickeln die Hypothesen-Variante parallel.

Bei Beides (Bestätigen und Widerlegen) werden zwingend zwei Kopien angelegt — jeweils mit einem Text-Label oberhalb:

  • „Hypothese bestätigen"
  • „Hypothese widerlegen"

So haben Sie nebeneinander drei Zustände: Original, Bestätigungs-Szenario, Widerlegungs-Szenario.

Hinweis — Die Mesh-Kopie ist ein einzigartiges Feature. In anderen Tools würden Sie ein zweites Projekt anlegen oder Elemente manuell duplizieren. Hier geschieht es in einem Klick — mit vollständiger Pflege aller Verbindungen.

Visuelle Anordnung der Bausteine

Die neu angelegten Bausteine werden automatisch nach ihrem Konfidenz-Typ in Spalten gruppiert:

  • Bedingungen (gelb) — in einer linken Spalte
  • Ungesicherte Annahmen (rot) — in einer rechten Spalte

Große Widgets (Karten, Graphen) werden dabei umflossen, nicht verdrängt. Die Bausteine ordnen sich um die bestehenden Elemente herum.

Das hat einen pragmatischen Grund: Auf einen Blick sehen Sie, was Sie prüfen müssen (gelb) und was offen im Raum steht (rot). Die Trennung erzeugt Klarheit, wo sonst Unordnung entstünde.

Diese Anordnung können Sie später manuell anpassen oder per Aufräumen → Nach Konfidenz (Kapitel 4) neu generieren lassen.

Der Kontext — was die KI sieht

Die Hypothesen-KI hat Zugriff auf alle aktiven Board-Elemente des Projekts. Sie nutzt diesen Kontext, um Bausteine zu formulieren, die inhaltlich und zeitlich zum Gesamtbild passen.

Direkt mit der Hypothese verbundene Nachbarn werden im Kontext mit * markiert — so weiß die KI, was der engere Ermittlungskreis ist.

Ein konkretes Beispiel: Ihre Hypothese lautet „Person A war zur Tatzeit am Tatort". Die KI sieht im Projekt:

  • Ein gesichertes Element „Tatzeit: 22:30"
  • Ein gesichertes Element „Tatort: Görlitzer Park"
  • Ein Element „Person A" mit einem Bewegungspfad

Daraus ergeben sich plausible Bedingungen:

  • „Person A muss um 22:30 in maximal 200 m Entfernung vom Görlitzer Park gewesen sein" — Bedingung
  • „Der Bewegungspfad von Person A zeigt einen Halt zwischen 22:15 und 22:45 in der Nähe" — zu prüfende Annahme
  • „Keine konkurrierende Aktivität an einem anderen Ort zur selben Zeit belegt" — zu prüfende Annahme

Die Bausteine passen zum Fall, weil die KI den Kontext kennt.

Hinweis — Wenn Sie bessere Bausteine wollen: Machen Sie den Kontext reicher. Je mehr relevante Elemente auf dem Board liegen (gesicherte Zeitpunkte, Orte, Personen), desto präziser werden die generierten Bausteine.

Nach der Generierung: Das eigentliche Prüfen

Der Hypothesen-Assistent hat Bausteine erzeugt. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit: Sie prüfen.

Ein typischer Ablauf:

1. Bedingungen durchgehen — Für jede gelbe Bedingung fragen Sie: Ist sie durch gesicherte Daten auf dem Board belegt? Wenn ja, ändern Sie den Konfidenz-Typ von Bedingung → Gesichert. Die Bedingung wandert aus der Prüf-Liste.

2. Ungesicherte Annahmen einordnen — Bei roten Bausteinen prüfen Sie: Gibt es Quellen, die diese Annahme stützen? Lassen sie sich zu Bedingungen verdichten? Oder kann die Annahme als irrelevant verworfen werden?

3. Neue Bedingungen entdecken — Manchmal fällt beim Prüfen auf: „Da müsste noch etwas anderes wahr sein." Legen Sie die neue Bedingung manuell an — als gelbes Element, verbunden mit der Hypothese.

4. Widersprüche identifizieren — Wenn eine Bedingung durch Daten widerlegt wird — also das Gegenteil belegbar ist — ändern Sie den Konfidenz-Typ auf Ungesichert oder entfernen den Baustein. Eine widerlegte Bedingung schwächt die Hypothese massiv.

5. Das Gesamtbild bewerten — Wenn die meisten Bedingungen erfüllt sind: Die Hypothese wird gestützt. Wenn zentrale Bedingungen widerlegt sind: Die Hypothese ist unhaltbar. Wenn vieles offen bleibt: Weitere Ermittlung ist nötig.

Aufräumen nach Konfidenz

Ein besonders nützlicher Modus in dieser Phase ist Aufräumen → Nach Konfidenz (Toolbar, Kapitel 4). Das Board wird in vier Spalten sortiert:

  • Hypothese (blau) — zentral
  • Bedingung (gelb) — was zu prüfen ist
  • Gesichert (grün) — was bereits belegt ist
  • Ungesichert (rot) — was noch im Raum steht

So sehen Sie den Prüfstand Ihrer Ermittlung auf einen Blick. Je mehr Elemente in der grünen Spalte landen — vorher in der gelben oder roten — desto belastbarer wird die Ermittlung.

Hinweis — Dieses Aufräumen ist mehr als kosmetisch. Es ist eine Diagnose des Fortschritts. Wenn eine Ermittlung nach Wochen noch voller gelber und roter Elemente ist, ist das ein Signal: entweder es fehlt an Daten, oder die Ermittlung geht in eine falsche Richtung.

Anwendungsfälle

Fall 1 — Tathergang rekonstruieren

Hypothese: „Verdächtiger war vor Tatbeginn am Tatort."

Die KI generiert Bedingungen wie:

  • Bewegung des Verdächtigen vor dem Tatzeitraum belegen
  • Räumliche Nähe zum Tatort zur relevanten Zeit
  • Kein Alibi-Nachweis für diese Zeit

Sie prüfen mit R/Z-Analyse (Kapitel 17), Isochronen (Kapitel 18) und vorhandenen Zeugenaussagen. Einzelne Bedingungen werden bestätigt — die Hypothese festigt sich.

Fall 2 — Insider-Handel

Hypothese: „Die Kursbewegung wurde durch vorhandene Insiderinformation ausgelöst."

Die KI schlägt Bedingungen vor:

  • Suchvolumen für das Unternehmen stieg vor der Kursbewegung
  • Wiki-Edits oder News-Signale kündigen die spätere Nachricht vorher an
  • Bestimmte Kommunikationskanäle zeigen auffällige Aktivität

Das GT Studio (Kapitel 24–26) und Granger-Kausalitäts-Analysen liefern die Prüfdaten. Einzelne Bedingungen werden erfüllt, andere bleiben offen.

Fall 3 — Koordinierte Pressekampagne

Hypothese: „Drei Redaktionen haben ihre Berichterstattung zeitlich abgestimmt."

Die KI schlägt vor:

  • Publikationen zur selben Zeit mit ähnlichen Narrativen
  • Keine sichtbaren Verbindungen in den Quellenangaben, aber erkennbare Muster
  • Ungewöhnlich schnelle Reaktion auf ein Ereignis bei mehreren Häusern

Sie prüfen mit Wikipedia-Analyse, Nachrichten-Zeitreihen und politisch-sprachlicher Analyse (KI-Analyst, Kapitel 21).

Grenzen und Vorsicht

Das Hypothesen-System ist ein Denkwerkzeug, kein Urteilsautomat. Was es leistet:

  • Es macht die Logik Ihrer Ermittlung explizit
  • Es schlägt Bedingungen vor, auf die Sie vielleicht nicht gekommen wären
  • Es erzwingt eine saubere Trennung zwischen Wissen und Vermutung

Was es nicht leistet:

  • Es bewertet nicht, ob eine Hypothese richtig oder falsch ist
  • Es entscheidet nicht, welche Datenquelle glaubwürdig ist
  • Es ersetzt nicht die menschliche Einschätzung von Plausibilität

Bedingungen sind außerdem nur so gut wie die Hypothese, aus der sie abgeleitet wurden. Eine schwammige Hypothese erzeugt schwammige Bedingungen. Eine einseitig formulierte Hypothese erzeugt einseitig wirkende Prüfpunkte.

Hinweis — Nutzen Sie bei wichtigen Fällen Beides (Bestätigen und Widerlegen). So zwingen Sie sich, nicht nur die Bestätigungslogik zu sehen, sondern auch das, was Ihre Hypothese zerbrechen könnte. Das ist forensische Hygiene.

Was Sie jetzt können

  • Eine Hypothese als Element mit Konfidenz-Typ Hypothese (blau) anlegen
  • Den Hypothesen-Assistenten mit passendem Ziel (Bestätigen / Widerlegen / Beides) starten
  • Generierte Bausteine (Bedingungen und ungesicherte Annahmen) prüfen und auswählen
  • Die Platzierung im aktuellen Mesh oder in einer Kopie verstehen
  • Die zweispaltige Anordnung der Bausteine nutzen
  • Bedingungen systematisch prüfen und Konfidenz-Typen aktualisieren
  • Das Aufräumen nach Konfidenz als Diagnose der Ermittlung einsetzen
  • Die Grenzen des Systems realistisch einschätzen