18Erreichbarkeits-Isochronen
Das Prinzip
Eine Isochrone beantwortet eine sehr spezifische Frage: „Wenn jemand um 20:00 Uhr am Punkt A war — wo kann diese Person um 20:15 sein?"
Die Antwort ist kein einzelner Ort, sondern ein Gebiet. Das Gebiet hängt ab von:
- Startpunkt — wo die Person nachweislich oder mutmaßlich war
- Verkehrsmittel — zu Fuß, Rad, Auto, Bus
- Zeitspanne — 15 Minuten, 1 Stunde, 4 Stunden
- Richtung — woher kann jemand kommen, oder wohin kann jemand gelangen?
Das Gebiet wird als Polygon auf der Karte gezeichnet. Alles innerhalb des Polygons ist erreichbar. Alles außerhalb nicht — zumindest nicht unter den angenommenen Bedingungen.
Wo Sie Isochronen erzeugen
Isochronen werden direkt auf der Karte erstellt — an einem bestehenden Wegpunkt.
So gehen Sie vor:
- Wechseln Sie in den Bewegungspfad-Modus der Karte (grünes Icon unten links)
- Klicken Sie auf einen bestehenden Wegpunkt
- In der Point-Toolbar wählen Sie Erreichbarkeit…
- Der Isochronen-Dialog öffnet sich
Im Dialog geben Sie ein:
- Verkehrsmittel — Fuß, Fahrrad, Auto, ÖPNV
- Richtung — Woher (ausgehend vom Ziel rückwärts berechnet) oder Wohin (ausgehend vom Startpunkt vorwärts)
- Fahrzeit — in Minuten
- Farbe — zur visuellen Unterscheidung mehrerer Isochronen auf derselben Karte
Nach dem Bestätigen wird das Polygon berechnet und als Map-Drawing auf der Karte gespeichert. Es bleibt dort sichtbar, bis Sie es löschen — auch nach Neuladen des Boards.
Die zwei Richtungen
Die Richtung ist der vielleicht wichtigste Parameter. Sie bestimmt, was genau gefragt wird:
Wohin — vorwärts gerichtet
Die Isochrone zeigt, welche Orte von einem Startpunkt aus in der angegebenen Zeit erreicht werden können. Typische Frage: „Die Person war um 20:00 am Alexanderplatz. Wo kann sie um 20:30 sein?"
Das Polygon umschließt alle Punkte, die von dort in 30 Minuten erreichbar sind.
Woher — rückwärts gerichtet
Die Isochrone zeigt, von welchen Orten aus ein Zielpunkt in der angegebenen Zeit erreicht werden konnte. Typische Frage: „Die Person war um 20:30 am Hauptbahnhof. Von wo konnte sie dort hinkommen, wenn sie um 20:00 aufgebrochen ist?"
Das Polygon umschließt alle Punkte, von denen aus der Hauptbahnhof in 30 Minuten erreichbar ist.
Die beiden Ergebnisse sind nicht identisch. Verkehr fließt oft asymmetrisch — Einbahnstraßen, unterschiedliche Geschwindigkeitsbegrenzungen, ungleichmäßig verteilte ÖPNV-Linien. Ein Ort kann von A aus schneller erreichbar sein als A von diesem Ort.
Anwendungsfälle
Fall 1 — Alibi auf Plausibilität prüfen
Eine Person behauptet: „Ich war um 20:00 zu Hause und um 21:15 am Verabredungsort." Ist das möglich?
Setzen Sie eine Isochrone an der Wohnadresse mit 75 Minuten Fahrzeit und dem mutmaßlichen Verkehrsmittel. Liegt der Verabredungsort innerhalb des Polygons, ist das Alibi zumindest räumlich-zeitlich möglich. Liegt er außerhalb, ist es nicht haltbar.
Fall 2 — Suchradius eingrenzen
Eine gesuchte Person wurde zuletzt um 14:00 in Berlin-Mitte gesehen. Es ist jetzt 17:00, also drei Stunden später. Wo kann sie sein?
Eine Isochrone mit 180 Minuten Fahrzeit zeigt den möglichen Aufenthaltsbereich — abhängig davon, welches Verkehrsmittel angenommen wird. Bei einer Fußgängerin ist der Bereich klein, bei einem Autofahrer kann er bis nach Leipzig reichen.
Fall 3 — Zeugenaussage rückwärts prüfen
Ein Zeuge sagt, eine Person sei um 22:30 am Tatort eingetroffen. Eine andere Zeugin sagt, dieselbe Person sei um 22:00 an einem anderen Ort gewesen.
Setzen Sie eine „Wohin"-Isochrone am ersten Ort mit 30 Minuten Fahrzeit. Liegt der zweite Ort im Polygon? Falls nicht, widersprechen sich die Aussagen physikalisch.
Fall 4 — R/Z-Analyse verifizieren
Die R/Z-Analyse (Kapitel 17) hat eine Annäherung zwischen zwei Personen um 21:47 am Ort X gefunden. Aber Person A wurde laut Zeugenaussage um 21:40 am Ort Y gesehen — 12 Kilometer entfernt.
Eine Isochrone mit 7 Minuten Fahrzeit von Y aus zeigt: Ort X liegt weit außerhalb des erreichbaren Gebiets. Also kann die Annäherung nicht stattgefunden haben — oder eine der Zeugenaussagen ist falsch.
Kombinationen mit anderen Werkzeugen
Mit Time-Shift
Eine Isochrone geht immer von einem bestimmten Zeitpunkt aus. Mit Time-Shift (Kapitel 16) können Sie den Startzeitpunkt variieren: Was, wenn die Person nicht um 20:00 aufgebrochen ist, sondern um 19:45? Wie ändert sich das erreichbare Gebiet? Die Kombination beider Werkzeuge prüft Szenarien systematisch.
Mit R/Z-Analyse
Wie im vierten Fallbeispiel oben: Isochronen filtern die Ergebnisse der R/Z-Analyse. Wenn eine vermutete Annäherung außerhalb der Isochrone liegt, ist sie ausgeschlossen. So reduzieren Sie falsch-positive Treffer der R/Z-Analyse.
Mit dem Hypothesen-System
Eine Hypothese verlangt oft eine Bedingung wie: „Person A muss den Weg von X nach Y in der Zeit Z zurückgelegt haben." Eine Isochrone prüft genau das — automatisch. Wenn die Strecke innerhalb der Isochrone liegt, ist die Bedingung erfüllt.
Mit ÖPNV
Wenn das Verkehrsmittel ÖPNV gewählt wird, bezieht die Isochrone reale Fahrpläne ein (Kapitel 19). Das ist besonders wichtig in Städten: Zu Fuß ist ein Ort in 30 Minuten unerreichbar, mit der richtigen S-Bahn zur richtigen Zeit erreichbar — aber nur wenn die S-Bahn auch fährt.
Der Unterschied zu einem einfachen Kreis-Radius
Viele Karten-Werkzeuge zeichnen einen Kreis als Erreichbarkeitsmaß: „100 Meter um den Punkt." Das ist keine Isochrone. Ein Kreis ignoriert alles Reale — Straßen, Hindernisse, Infrastruktur.
Eine Isochrone rechnet echt. Sie folgt den Straßen. Sie berücksichtigt, dass ein Fluss ohne Brücke ein Hindernis ist, auch wenn die Luftlinie es scheinbar egal wäre. Sie weiß, dass ein Weg durch ein Industriegebiet langsamer ist als über eine Hauptstraße.
Das Ergebnis: Isochronen-Polygone sind oft asymmetrisch und fingerförmig — sie strecken sich entlang der Verkehrsachsen und ziehen sich in Gebieten mit schlechter Anbindung zurück. Genau das ist die Realität.
Grenzen der Methode
Isochronen sind modellbasiert. Sie arbeiten mit angenommenen Durchschnittsgeschwindigkeiten und idealisierten Wegen. Tatsächlich können:
- Verkehrsstaus die reale Reisezeit erhöhen
- Wetterbedingungen Geschwindigkeiten reduzieren
- Sperrungen Routen unmöglich machen
- Eine Person schneller oder langsamer sein als der Durchschnitt
Für forensische Aussagen sollten Sie die Isochrone als unteres Limit verstehen: Wenn ein Ort innerhalb der Isochrone liegt, ist er erreichbar — aber nicht zwingend in der genau berechneten Zeit. Wenn er außerhalb liegt, ist er unter normalen Bedingungen nicht erreichbar, was ein starkes Argument ist.
Bei Aussagen wie „die Person kann es geschafft haben, auch wenn die Isochrone es knapp ausschließt, weil sie raste" muss die Ermittlung weitergehen. Isochronen schließen nicht das Letzte aus — aber sie machen eine Behauptung belegbar.
Isochronen und Storytelling
Ein Nebeneffekt: Isochronen sind visuell einprägsam. Wenn Sie in einem Press-Artikel oder einer Präsentation zeigen, dass der behauptete Weg einer Person außerhalb der erreichbaren Gebiete liegt, ist das ein Moment, den das Publikum versteht — ohne Erklärung.
Viele Ermittler nutzen Isochronen deshalb als Schluss-Grafik: Am Ende einer Rekonstruktion zeigt eine Karte mit überlagerten Isochronen, warum eine bestimmte Behauptung nicht haltbar ist. Das Bild sagt mehr als zehn Sätze Erklärung.
Was Sie jetzt können
- Eine Isochrone an einem Wegpunkt der Karte erzeugen
- Verkehrsmittel, Richtung und Fahrzeit sinnvoll kombinieren
- Zwischen „Woher" und „Wohin" unterscheiden und korrekt einsetzen
- Alibis auf räumlich-zeitliche Plausibilität prüfen
- Suchradien für gesuchte Personen berechnen
- Zeugenaussagen auf Widersprüche prüfen
- Isochronen mit Time-Shift, R/Z-Analyse und Hypothesen kombinieren
- Den Unterschied zwischen Isochrone und Kreis-Radius verstehen und nutzen