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Teil IV · Zeit & Raum

17R/Z-Analyse

Die R/Z-Analyse — Räumlich-Zeitliche Annäherungsanalyse — beantwortet eine der grundlegendsten Ermittlungsfragen: Welche Elemente haben sich wann und wo nahegekommen? Sie ist eines der stärksten forensischen Werkzeuge in SpectralQ, weil sie Raum und Zeit gleichzeitig prüft — nicht einzeln, wie die meisten anderen Tools es tun. Dieses Kapitel zeigt, wie die Analyse funktioniert und wann sie zum Einsatz kommt.

Das Problem

Zwei Personen waren am 15. Januar in Berlin. Sind sie sich begegnet?

Die Frage klingt einfach. Sie ist es nicht. Um sie zu beantworten, müssen Sie zwei Dinge gleichzeitig prüfen:

Räumlich — Wie nah kamen sie sich geografisch?
Zeitlich — Wann genau war das?

Wer nur räumlich prüft, sieht: Beide waren am Alexanderplatz. Aber vielleicht an verschiedenen Tagen.

Wer nur zeitlich prüft, sieht: Beide waren am 15. Januar um 14:00 in Berlin. Aber vielleicht in verschiedenen Stadtteilen.

Erst die Kombination beider Dimensionen sagt etwas aus. Genau das leistet die R/Z-Analyse.

Wie die Analyse arbeitet

Die R/Z-Analyse nimmt zwei oder mehr Elemente mit Bewegungspfaden oder Standorten und berechnet, wann sich ihre Aufenthaltsräume überlappt haben — oder einander nahegekommen sind.

Die Ergebnis-Darstellung zeigt:

  • Zeitpunkte oder Zeitfenster, in denen die Elemente räumlich nahe waren
  • Die Distanz zwischen ihnen während dieser Fenster — in Metern
  • Eine Visualisierung auf der Karte, die die Begegnungsorte markiert

Je nach Parametern können Sie definieren:

  • Ab welcher Distanz eine Annäherung zählen soll (z. B. 100 m, 500 m, 1 km)
  • Wie lange ein Zeitfenster sein darf, in dem beide Elemente dieser Distanz genügen müssen (z. B. 5 Minuten, 1 Stunde)
  • Welche Konfidenz-Typen einbezogen werden sollen (nur Gesichertes — oder auch Ungesichertes zur Hypothesenprüfung)

Das Ergebnis erscheint als eigenes Widget auf dem Board: eine Liste aller gefundenen Annäherungen mit Zeit, Ort und Distanz — plus einer Karte mit den markierten Treffpunkten.

Die R/Z-Analyse starten

Die Funktion finden Sie in der Toolbar unter Zeit » R/Z-Analyse.

Beim Klick öffnet sich ein Dialog:

  • Elemente auswählen — welche sollen miteinander verglichen werden? Sie können zwei, drei oder mehr Elemente angeben
  • Distanz-Schwelle — ab welcher Nähe zählt eine Annäherung?
  • Zeitfenster — wie lange muss die Nähe bestehen, um als Treffen zu zählen?
  • Konfidenz-Einstellung — nur Gesichertes oder alles einbeziehen?

Nach dem Start berechnet SpectralQ die Schnittmengen. Das Ergebnis erscheint als Widget auf dem Board und kann mit Karten, Chronologien oder KI-Analysten verbunden werden.

Hinweis — Die R/Z-Analyse betrachtet Aufenthaltsräume, nicht nur Punkte. Ein Element mit Umkreis von 500 m wird als Bereich behandelt — nicht als exakter Punkt. Das entspricht der Realität: Auch Zeugenaussagen sind unscharf, GPS-Daten haben Toleranzen.

Anwendungsfälle

Fall 1 — Das klassische Begegnungs-Szenario

Zwei Verdächtige. Jeder hat ein eigenes Bewegungsprofil — rekonstruiert aus unterschiedlichen Quellen (Handy-Standortdaten, Überwachungskameras, Zeugenaussagen). Haben sie sich getroffen?

Die R/Z-Analyse vergleicht die Pfade und findet alle Zeitfenster, in denen beide sich näher als die eingestellte Schwelle aufhielten. Wenn sie sich um 21:47 für 12 Minuten auf 80 Metern Abstand kamen, ist das ein Befund. Kein Beweis — aber ein starker Hinweis, der weitere Ermittlungen rechtfertigt.

Fall 2 — Kontaktpersonen

In einer Ermittlung wissen Sie: Person X stand zur Tatzeit unter Druck. Wer war in den 48 Stunden davor in ihrer Nähe? Die R/Z-Analyse mit dem Pfad von Person X gegen eine Liste von Kontakten zeigt, wer sich Person X wann genähert hat. Zwölf Treffer. Davon sieben plausibel erklärbar, fünf auffällig.

Fall 3 — Überwachung vs. Zufall

Eine Person vermutet, überwacht zu werden. Sie hat eine Liste von Situationen, in denen ihr eine bestimmte andere Person aufgefallen ist — oder ein bestimmtes Fahrzeug. Die R/Z-Analyse prüft, ob die räumlich-zeitliche Häufung signifikant ist. Sieben Begegnungen über vier Wochen an unterschiedlichen Orten — bei unterschiedlichen Aktivitäten — sind kein Zufall.

Fall 4 — Alibi-Prüfung

Eine Person behauptet, zur Tatzeit mit einer anderen zusammen gewesen zu sein. Die R/Z-Analyse zwischen beiden Bewegungspfaden zeigt, ob das räumlich und zeitlich plausibel ist. Wenn die angegebene Begegnungsdauer nicht zu den vorhandenen Bewegungen passt, ist das Alibi schwach.

Kombinationen mit anderen Werkzeugen

Mit Time-Shift

Wenn eine R/Z-Analyse zunächst keine Annäherung findet, lohnt der Test mit Time-Shift (Kapitel 16): Was, wenn die Zeitangaben einer Person um 15 Minuten falsch sind? Kommen sich die Pfade dann nahe? Die Kombination aus R/Z-Analyse und Time-Shift ist das präziseste Instrument für Annäherungs-Szenarien mit unsicherer Zeitlage.

Mit dem Hypothesen-System

Eine Hypothese: „Person A und B trafen sich am Tatabend." Als Bedingung wird daraus: „A und B müssen zwischen 19:00 und 23:00 räumlich-zeitlich näher als 200 m gewesen sein." Die R/Z-Analyse prüft genau das. Wenn sie ein Zeitfenster findet, ist die Bedingung erfüllt — und die Hypothese gewinnt an Stütze.

Mehr zum Hypothesen-System in Kapitel 22.

Mit Isochronen

Die Erreichbarkeits-Analyse (Kapitel 18) berechnet, welche Bereiche eine Person in einer bestimmten Zeit erreichen konnte. Kombiniert mit R/Z-Analyse können Sie prüfen: War es überhaupt möglich, dass Person A den Ort erreichte, an dem sie mit Person B angeblich war? Wenn der Ort außerhalb der Isochrone liegt, ist die Begegnung physisch unmöglich.

Mit ÖPNV-Daten

Die ÖPNV-Integration (Kapitel 19) erweitert die R/Z-Analyse um öffentliche Verkehrsmittel. Hat Person A die S-Bahn genommen, die zur selben Zeit von derselben Station losfuhr wie Person B? Wenn zwei Personen dasselbe Fahrzeug genommen haben, sind sie sich mit Sicherheit begegnet — auch wenn die Pfade einzeln betrachtet nur Stationen zeigen.

Grenzen der Analyse

Die R/Z-Analyse ist ein mächtiges Werkzeug — aber kein Beweis. Sie zeigt Möglichkeiten, nicht Gewissheiten:

  • Zwei Personen in 80 Metern Abstand mussten sich nicht zwangsläufig gesehen oder gesprochen haben
  • Datengenauigkeit — wenn die Bewegungspfade aus unterschiedlichen Quellen mit unterschiedlicher Präzision stammen, sind die Ergebnisse entsprechend unscharf
  • Konfidenz der Eingangsdaten — eine Annäherung zwischen zwei ungesicherten Pfaden bleibt eine ungesicherte Annäherung

Deshalb die Empfehlung: Die R/Z-Analyse identifiziert Prüfpunkte, die dann mit anderen Methoden verifiziert werden müssen — Kamera-Auswertungen, Zeugenbefragungen, Handy-Daten. Sie ist ein Filter für das, was sich lohnt, genauer anzusehen. Kein Endpunkt der Ermittlung.

Hinweis — Die Stärke der R/Z-Analyse liegt darin, dass sie aus großen Datenmengen die wenigen relevanten Momente herausfiltert. Ohne sie müssten Sie manuell durch Hunderte Zeitstempel gehen, um Annäherungen zu finden. Mit ihr bekommen Sie in Sekunden eine Liste von Kandidaten.

Was Sie jetzt können

  • Die R/Z-Analyse über die Toolbar starten und Elemente auswählen
  • Distanz-Schwellen und Zeitfenster einstellen
  • Räumlich-zeitliche Annäherungen zwischen Elementen systematisch finden
  • Alibi-Aussagen auf Plausibilität prüfen
  • Muster wiederholter Begegnungen erkennen
  • Die Analyse mit Time-Shift, Hypothesen, Isochronen und ÖPNV kombinieren
  • Die Grenzen der Methode einschätzen und Ergebnisse richtig gewichten