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Teil III · Datenquellen

11Erdbeobachtung & Umwelt

Was die Erde zeigt — aus dem All, aus Sensornetzen, aus Wetter- und Geophysik-Datenbanken — ist objektiver als das, was Menschen darüber sagen. Sieben Plugins decken in SpectralQ diese Schicht ab: Satellit und Satoverpass für Bilder und Überflüge, NDVI für Vegetation, Nightlights für nächtliche Lichtemissionen, Wetter für meteorologischen Kontext, Seismik für Erdbewegungen, Strahlung für Hintergrund-Radioaktivität. Diese Daten sind oft das, was eine Hypothese erst belastbar macht — oder widerlegt.

Warum Erdbeobachtungs-Daten ein Sonderstatus haben

In einer forensischen Ermittlung gibt es zwei Arten von Quellen: solche, die jemand spricht oder schreibt — und solche, die ohne menschliches Zutun entstehen. Erdbeobachtungs-Plugins liefern die zweite Sorte. Ein Satellit zeigt eine Region in einem Moment, ohne Auswahl, ohne Kommentar. Ein Wetterdatensatz zeigt Sicht und Niederschlag in einem Zeitfenster, unabhängig davon, was jemand danach behauptet hat.

Das macht Erdbeobachtungs-Daten besonders wertvoll für die Konfidenz-Stufe Gesichert. Sie sind nicht unfehlbar — Sensoren haben Auflösungsgrenzen, Wetterstationen haben Lücken, Satelliten haben Wolkenprobleme — aber sie sind nicht narrativ. Sie können nicht lügen, sie können nur fehlen oder ungenau sein.

Satellit & Satoverpass

Zwei Plugins, die unterschiedliche Aspekte der Satelliten-Beobachtung abdecken:

Satoverpass beantwortet die Frage: War zu diesem Zeitpunkt überhaupt ein Satellit über diesem Ort? Sie geben Koordinaten und ein Zeitfenster ein, das Plugin liefert eine Liste von Überflügen — mit Zeitpunkten, Sensor-Typen, ungefährer Auflösung. Das ist die Vorabklärung: Lohnt es sich überhaupt, nach einem Bild zu suchen?

Satellit liefert die Bilder selbst, soweit aus den verfügbaren Quellen abrufbar. Der Detail-Grad reicht von freien Sentinel-Daten (10–60 m Auflösung, alle paar Tage) bis zu kommerziellen Hochauflösungs-Anbietern (sub-meter, kostenpflichtig). Das Plugin abstrahiert die Quellen-Auswahl. Sie konfigurieren Auflösungs-Wunsch und Zeitraum, das Plugin holt das Beste, was die hinterlegten APIs liefern können.

Ein typischer Workflow: Satoverpass-Abfrage zeigt, dass am 14. Januar um 11:23 ein Sentinel-2-Überflug über der Region stattgefunden hat. Eine Satellit-Abfrage holt das Bild. Auf dem Board landet es als Element vom Typ Bild/Dokument mit Standortbezug. Im Press-Artikel (Kapitel 29) kann es dann in den öffentlichen Befund eingebettet werden.

NDVI — Vegetationsindex

NDVI (Normalized Difference Vegetation Index) ist ein aus Satellitendaten berechneter Wert, der die Vegetationsdichte misst. Werte nahe 1 bedeuten gesunde, dichte Vegetation; Werte nahe 0 oder negativ bedeuten kahle Flächen, Wasser oder zerstörte Vegetation.

Was NDVI sichtbar macht:

  • Brände — abrupte Veränderungen über große Flächen
  • Abholzung — gerichtete Veränderungen entlang von Straßen oder Grundstücksgrenzen
  • Bewässerungs-Anomalien — landwirtschaftliche Flächen, die plötzlich austrocknen oder begrünt werden
  • Bodenschäden durch Konflikte — Krater, Fahrzeugspuren, Erdarbeiten

Sie geben Koordinaten und einen Zeitraum ein, das Plugin liefert eine Zeitreihe der NDVI-Werte für diese Region. Diese Zeitreihe lässt sich im Verlaufsgraphen (Kapitel 6) mit anderen Zeitreihen synchronisieren — etwa mit News-Aktivität zum selben Ort.

Nightlights — Lichtemissionen

Nächtliche Lichtemissionen aus Satellitendaten (typischerweise VIIRS) sind ein robuster Indikator für menschliche Aktivität. Plötzliche Veränderungen sind häufig forensisch relevant:

  • Stromausfälle — schlagartiger Rückgang über große Gebiete (Konflikt-Indikator, Infrastruktur-Schaden)
  • Bevölkerungs-Verschiebungen — Veränderungen über Wochen, etwa Flucht-Bewegungen
  • Industrieaktivität — Anstieg oder Rückgang in Industriegebieten
  • Konflikt-Phasen — Lichter erlöschen, kommen zurück, erlöschen wieder

Im russisch-ukrainischen Kontext etwa zeigte VIIRS-Nightlight-Daten den Verlauf von Stromausfällen quasi in Echtzeit. Das Plugin liefert Zeitreihen für definierte Bereiche; die Abfrage gleicht der NDVI-Logik.

Wetter — Open-Meteo-Integration

Das Wetter-Plugin liefert historische und aktuelle Wetterdaten aus Open-Meteo: Temperatur, Niederschlag, Wind, Sichtweite, Bewölkung. Eingaben sind Koordinaten und Zeitraum.

Wetterdaten sind in zwei Rollen wertvoll:

  • Plausibilitäts-Test — Eine Zeugenaussage erwähnt klare Sicht zu einem bestimmten Zeitpunkt; das Plugin zeigt dichten Nebel. Ein Bewegungs-Pfad führt durch ein Gebirge zu einer Zeit mit Wintersturm; das ist möglicherweise unplausibel.
  • Kontextuelle Erklärung — Eine Datenanomalie (Satellitenbild trübe, Drohne nicht eingesetzt, NDVI-Sprung) wird durch Starkregen oder Schneefall plausibel erklärt.

In der Karten-Animation (Kapitel 15) kann das Wetter als Layer mitlaufen — ein Bewegungspfad, der durch einen Gewitter-Bereich führt, sieht in der Animation anders aus als einer durch klares Wetter.

Seismik & Strahlung

Zwei Spezialfälle, die in den meisten Ermittlungen nicht gebraucht werden, aber wenn sie gebraucht werden, sind sie unersetzlich.

Seismik liefert Erdbebendaten aus globalen Erdbeben-Netzwerken (USGS, EMSC). Standardmäßig holt das Plugin alle Ereignisse über einer Mindestmagnitude für ein Gebiet und Zeitfenster. Anwendungen reichen von der Plausibilitäts-Prüfung („War das Ereignis tatsächlich ein Erdbeben?") über die Erkennung künstlicher Detonationen (charakteristische Wellenform) bis hin zur Korrelation mit Industrieaktivität (Fracking, Bergwerke).

Strahlung liefert Werte aus Hintergrund-Strahlungs-Netzwerken (z. B. SafeCast, behördliche Messnetze). Forensisch relevant bei Vorfällen mit nuklearer Komponente, bei der Plausibilisierung von Behauptungen über Kontamination, oder als Routine-Hintergrund für sensible Standorte.

Verbindung mit anderen Werkzeugen

Erdbeobachtungs-Daten entfalten ihre Wirkung in der Kombination mit anderen SpectralQ-Werkzeugen:

  • R/Z-Analyse (Kapitel 17) — räumlich-zeitliche Annäherungen werden plausibler, wenn Wetter und Sicht stimmen
  • Erreichbarkeits-Isochronen (Kapitel 18) — bei NDVI-veränderten Gelände-Bedingungen sind manche Wege nicht mehr passierbar
  • Karten-Animation (Kapitel 15) — Wetter und Nightlights als Hintergrund-Layer
  • Verlaufsgraphen (Kapitel 6) — Zeitreihen aus Nightlights, NDVI, Seismik lassen sich mit News- und Telegram-Wellen synchronisieren

Verzerrungen und Auflösungs-Grenzen

Erdbeobachtungs-Daten sind nicht narrativ — aber sie haben technische Grenzen, die in die Konfidenz-Bewertung einfließen müssen:

  • Wolkenbedeckung — optische Satelliten sehen nichts durch Wolken. Radar-Satelliten haben dieses Problem nicht, sind aber selten.
  • Zeitliche Auflösung — Sentinel-2 hat etwa alle 5 Tage einen Durchgang. Was dazwischen passiert, ist nicht abgedeckt.
  • Räumliche Auflösung — eine Verbrennung von 10 m × 10 m ist auf 60-m-Pixeln nicht erkennbar.
  • Sensor-Lücken — Wetterstationen sind ungleichmäßig verteilt, in Konfliktgebieten oft ausgefallen.

Die Folge: Wenn das Plugin keine Daten liefert, heißt das nicht zwangsläufig Es ist nichts passiert — es kann auch heißen Wir haben es nicht gesehen. Diese Unterscheidung ist forensisch wichtig.

Was Sie jetzt können

  • Den Sonderstatus von Erdbeobachtungs-Daten gegenüber narrativen Quellen einordnen
  • Mit Satoverpass und Satellit Überflüge und Bilder gezielt abrufen
  • NDVI-Zeitreihen für Vegetations- und Geländebewertung nutzen
  • Nightlights als Indikator für Stromausfälle, Bevölkerung und Konflikt-Phasen einsetzen
  • Wetterdaten als Plausibilitäts-Test und Kontext-Erklärung integrieren
  • Seismik- und Strahlungs-Daten in Spezialfällen heranziehen
  • Erdbeobachtungs-Plugins mit R/Z-Analyse, Isochronen, Karten-Animation und Verlaufsgraphen kombinieren
  • Auflösungs-Grenzen und Sensor-Lücken in die Konfidenz-Bewertung einbeziehen