20Das 5-Agenten-System
Warum fünf Agenten und nicht einer?
Ein einzelnes großes Sprachmodell könnte theoretisch die gesamte Analyse übernehmen. Praktisch ist das eine schlechte Idee. Komplexe Ermittlungsaufgaben bestehen aus vielen Teilschritten — Planung, Datenauswahl, Kritik, Durchführung, Synthese, Prüfung. Wenn ein einzelnes Modell all das in einem Rutsch leisten soll, passieren zwei Dinge:
- Vergessen — frühe Überlegungen werden in späteren Schritten nicht mehr berücksichtigt
- Blinde Flecken — das Modell bewertet seine eigenen Schlüsse nicht kritisch, weil es sie gerade selbst formuliert hat
Das 5-Agenten-System löst beides durch Spezialisierung und Kontrolle. Jeder Agent hat eine klare Rolle. Jeder prüft oder baut auf dem Ergebnis des vorherigen auf. Kritische Stellen werden von adversarialen Agenten hinterfragt — also von solchen, deren einzige Aufgabe es ist, das Bisherige anzuzweifeln.
Die fünf Agenten
1. Koordinator — baut das Murder Board auf
Der Koordinator ist der Architekt. Aus dem Briefing leitet er ab, welche Elemente, Datenquellen, Karten, Graphen und Netzwerke angelegt werden müssen — und wie sie miteinander zu verbinden sind.
Er ist auch für Map-Snapshots zuständig: Wenn eine Karte für einen bestimmten Zeitpunkt relevant ist, sorgt er dafür, dass der entsprechende Zustand eingefroren wird.
Der Koordinator gibt jeder angelegten Datenquelle eine Begründung — warum diese Quelle für den Fall relevant ist. Die Begründung erscheint später im Bericht und macht die Ermittlung nachvollziehbar.
2. Datenforensiker — berät bei Keywords und Kanälen
Der Datenforensiker ist der Experte für Quellenauswahl und Triangulation. Welche Keywords sind für die Google-Trends-Analyse relevant? Welche Telegram-Kanäle, welche Wikipedia-Artikel, welche Zeiträume?
Seine Hauptaufgabe ist nicht das Sammeln, sondern das Kuratieren. Er sorgt dafür, dass keine einseitige Datenbasis entsteht — dass also nicht nur Quellen einbezogen werden, die eine bestimmte These stützen könnten, sondern auch solche, die ihr widersprechen oder unabhängige Bestätigung liefern.
3. GT-Studio-Agent — für Google-Trends-Analysen
Der GT-Studio-Agent ist der Spezialist für Suchverhalten. Er formuliert optimierte Keywords mit passenden Geo-Einstellungen und Zeiträumen. Er bewertet Related Queries — also die verwandten Suchanfragen, die Google zu einem Keyword ausgibt — auf ihre Relevanz für den Fall.
Er arbeitet eng mit dem GT Studio zusammen (Kapitel 24–26) und liefert die Keywords, die dort tatsächlich abgerufen werden.
4. Plan-Kritiker — prüft den Aufbau vor der Datenerhebung
Hier beginnt der adversariale Teil des Systems. Der Plan-Kritiker bekommt den vollständigen Aufbau des Koordinators plus die Empfehlungen des Datenforensikers und des GT-Studio-Agenten. Seine Aufgabe: Kritik vor dem ersten Datenabruf.
Er prüft:
- Sind die gewählten Datenquellen wirklich relevant?
- Wurden offensichtliche Quellen übersehen?
- Ist die Keyword-Auswahl zu eng oder zu weit?
- Passen die Zeiträume?
- Gibt es logische Brüche in der Argumentation?
Der Plan-Kritiker kann den Plan korrigieren lassen — also zurück an den Koordinator schicken, bevor überhaupt Daten abgerufen werden. Das spart massiv Zeit und Kosten: Ein falsch aufgebautes Board würde sonst Daten für Quellen abrufen, die gar nichts mit der Fragestellung zu tun haben.
5. Bericht-Kritiker — hinterfragt den Synthesebericht
Am Ende steht ein Synthesebericht. Der Bericht-Kritiker ist der zweite adversariale Agent: Er prüft den fertigen Bericht auf Konsistenz, Überinterpretation und Belegbarkeit.
Konkret fragt er:
- Werden Aussagen im Bericht durch die tatsächlichen Daten gestützt?
- Werden Konfidenzstufen angemessen verwendet — oder wird Ungesichertes als Gesichertes verkauft?
- Gibt es Widersprüche innerhalb des Berichts?
- Werden Alternativ-Erklärungen ausreichend berücksichtigt?
Nur wenn der Bericht-Kritiker den Bericht freigibt, wird er als final markiert. Andernfalls geht er zurück zur Überarbeitung.
Episodisches Gedächtnis
Alle fünf Agenten teilen einen gemeinsamen chronologischen Verlauf aller Entscheidungen. Das ist das episodische Gedächtnis: jedes „Ich habe Keyword X gewählt, weil…", jedes „Der Plan-Kritiker hat das verworfen, weil…" wird festgehalten.
Dieses Gedächtnis ist wichtig aus drei Gründen:
- Konsistenz — spätere Agenten wissen, warum frühere so entschieden haben
- Nachvollziehbarkeit — die komplette Entscheidungskette wird im Bericht zusammengefasst
- Lernfähigkeit — bei Iterationsstufen (siehe unten) kann das System auf eigenen Entscheidungen aufbauen
Wenn der Verlauf zu lang wird, wird er automatisch von einem LLM zusammengefasst — die älteren Einträge werden verdichtet, die jüngeren bleiben im Detail. So bleibt das System effizient, ohne seine Geschichte zu verlieren.
Der Ablauf — Phase für Phase
Eine vollautomatische Analyse über das 5-Agenten-System durchläuft acht Phasen:
Phase 1 — Briefing & Projekt anlegen
Der Nutzer beschreibt die Fragestellung. Ein neues Projekt wird erstellt. Das Briefing wird gespeichert.
Phase 2 — Forensiker & Aufbau
Der Koordinator baut das Board auf. Der Datenforensiker empfiehlt Quellen, Keywords, Zeiträume. Elemente, Plugins, Karten, Graphen und Netzwerke entstehen.
Phase 3 — Plan-Kritik & Korrekturen
Der Plan-Kritiker prüft den Aufbau. Korrekturen werden in den Plan eingearbeitet.
Phase 3b — Pre-Flight-Check
Eine letzte Prüfung vor der Datenerhebung: Sind die Telegram-Kanäle valide? Existieren die Wikipedia-Artikel? Sind die Keywords formatiert?
Phase 4 — Datenermittlung
Alle Datenquellen werden parallel abgefragt. Timeout nach 10 Minuten, mit Grace-Period für verspätete Ergebnisse — also eine kurze Toleranzzeit, in der langsame Quellen noch nachliefern dürfen.
Phase 5 — Plugin-Analysen
Plugin-spezifische Verarbeitung: News-Scraping mit Briefing, Internet-Health-Analyse, Telegram-Verarbeitung.
Phase 6 — GT Studio (optional)
Wenn Google-Trends-Keywords vorhanden sind, läuft der GT-Studio-Agent seine Analyse.
Phase 7 — Analyse & Bericht
Der Synthesebericht wird erstellt, inklusive automatischer Map-Snapshots zu relevanten Zeitpunkten. Der Bericht-Kritiker prüft, gegebenenfalls Überarbeitung.
Phase 8 — Slides im Projekt
Am Ende werden Präsentations-Slides (Kapitel 27) erzeugt, die die Ergebnisse in einer Prezi-artigen Darstellung aufbereiten.
Iterationsstufen
Das 5-Agenten-System kennt drei Stufen:
Stufe 1 — Standard
Einmal durchlaufen, ein Bericht. Geeignet für klar umgrenzte Fragestellungen.
Stufe 2 — Bericht als neues Briefing
Nach der ersten Analyse wird der Bericht selbst zum Briefing einer zweiten Analyse. Das ist nützlich für Vertiefung: Der erste Durchlauf identifiziert die relevanten Fragen, der zweite arbeitet sie detailliert aus.
Technisch wird dafür ein neues Projekt angelegt, das auf dem vorherigen aufbaut. So bleiben beide Zustände nachvollziehbar.
Stufe 3 — Dreifach
Der zweite Bericht wird wiederum zum Briefing eines dritten Durchlaufs. Das lohnt sich nur bei sehr komplexen Fällen, in denen auch die dritte Runde noch signifikant neue Erkenntnisse bringt.
Iterationsstufen laufen nur bei aktiver Analyse — Sie starten sie bewusst, sie laufen nicht automatisch.
Wann das System stark ist — und wann nicht
Das 5-Agenten-System ist stark bei:
- Gut umgrenzten Fragestellungen — ein konkretes Ereignis, ein klarer Zeitraum, definierte Akteure
- Medial dokumentierten Fällen — wo Nachrichten, Wikipedia, Social Media Material liefern
- Triangulationsaufgaben — wo mehrere unabhängige Quellen konvergieren müssen
- Routineanalysen — wo ähnliche Muster immer wieder auftreten
Das System hat Grenzen bei:
- Extrem spezifischen Nischen — wo öffentliche Datenquellen schwach sind
- Hochsensiblen Fällen — wo jede einzelne Zuordnung manuell geprüft werden muss
- Kreativen Sprüngen — wo eine ungewöhnliche Verknüpfung über Routinepfade hinaus nötig ist
- Ethisch-rechtlichen Abwägungen — die KI trifft keine Wertungen, die explizit beim Menschen bleiben müssen
In solchen Fällen ist manuelle Arbeit oder eine Kombination besser: Das System liefert einen Rohaufbau, den Sie dann manuell verfeinern.
Das System starten
Die 5-Agenten-Analyse starten Sie über Start im Hauptmenü oder über den Board-Setup-Assistenten im Plus-Menü (Kapitel 3). Unterschied:
- Board-Setup-Assistent — schneller Einstieg, legt hauptsächlich Elemente und Karte an
- Start / APA — volle 5-Agenten-Analyse mit allen Phasen, inklusive Datenerhebung und Bericht
Im Start-Dialog geben Sie das Briefing ein und aktivieren gewünschte Module (GT Studio, bestimmte Plugins). Dann läuft die Analyse — je nach Umfang zwischen wenigen Minuten und einer halben Stunde.
Was Sie jetzt können
- Verstehen, warum ein Agenten-System robuster ist als ein einzelnes Modell
- Die fünf Agenten und ihre spezifischen Aufgaben benennen
- Die Rolle der adversarialen Agenten (Plan-Kritiker, Bericht-Kritiker) einordnen
- Das episodische Gedächtnis als Grundlage von Konsistenz nachvollziehen
- Den achtphasigen Ablauf einer Analyse verstehen
- Iterationsstufen sinnvoll einsetzen
- Einschätzen, wann das System stark ist und wann manuelle Arbeit sinnvoller ist
- Eine vollautomatische Analyse starten und beobachten